Philipp Hübl (2) Philipp Hübl

Schneller Spaß oder dauerhafter Nutzen? Über die Freuden des langfristigen Denkens

Zwei Systeme wohnen, wach, in unser Brust: Das «kühle System» will langfristige Sicherheit und einen optimalen Nutzen aller Ressourcen, das «heiße System» Aufregung, Abwechslung, den schnellen Spaß. Ein zentraler Konflikt des menschlichen Handelns besteht in der Frage, wie man das kühle System, die Vernunft, gegen das heiße, die Instinkte und Impulse, in Stellung bringt. Die moderne psychologische Forschung zeigt, dass die aktive Aufmerksamkeit ein entscheidender Faktor der Vernunft ist. So deutet Mischels Marshmallow-Versuch darauf hin, dass Kinder den spontanen Impuls unterdrücken können, eine Süßigkeit sofort zu essen, indem sie ihre Aufmerksamkeit aktiv umleiten. Mehrere Langzeitexperimente weisen nach, dass diese Kinder später im Leben glücklicher sind, weniger Drogen nehmen und mehr verdienen als ehemals unkontrollierte Kinder. Dasselbe gilt für Erwachsene: Impulskontrolle ist ein besserer Indikator für beruflichen Erfolg als Intelligenz oder soziale Herkunft.

Zahlreiche Studien zeigen, dass der Fortschritt der Zivilisation in mehr Selbstkontrolle und einem langfristigen Denken besteht. Stammesgeschichtlich sind wir allerdings durch eine ursprüngliche Lebenserwartung von etwa 30 Jahren auf kurzfristiges Denken und impulsives Handeln eingestellt. Allgemein tendieren wir daher dazu, unser Leben zu steil abzuzinsen: Videospiele bis in die Nacht, Schweinshaxe jetzt, dafür Gefäßverengung später. Die Überschätzung kurzfristiger Effekte zeigt sich auch in gesellschaftspolitischen Bereichen, zum Beispiel im Klimaschutz.

Weil uns Selbstbeherrschung und langfristiges Denken schwerfällt, ist es vernünftig, sich diese Schwäche der Vernunft vor Augen zu führen und indirekte Maßnahmen zu ergreifen wie «Nudging» und andere Spielarten des sogenannten «Odysseus-Prinzips». Im Seminar diskutieren wir aus einer philosophischen Perspektive, wie Vernunft, Aufmerksamkeit, Selbstbeherrschung mit einem langfristigen Nutzen von monetären und intellektuellen Kapiteln zusammenhängen.

Philipp Hübl ist Juniorprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart und Autor des Buches „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“. Zahlreiche Beiträge von ihm zu gesellschaftlichen und politischen Themen sind in der FAZ, der taz, auf Spiegel online oder im Philosophie Magazin veröffentlicht worden. Zu Philipp Hübls Forschungsgebieten zählen unter anderem die Philosophie des Geistes, die Handlungstheorie, die Wissenschaftstheorie und die Sprachphilosophie.

Foto © Juliane Marie Schreiber


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